21. Dezember 2025

Wenn sich Wege nach Jahren wiederfinden

Manchmal vergehen viele Jahre, bis man einen Menschen wiedertrifft, und erst dann merkt man, wie sehr die Zeit uns verwandelt hat.

Ich habe Silke damals im Yoga kennengelernt, in einem Kurs bei unserer sehr geschätzten Yogalehrerin Narayani.

Narayani war es, die mich kurz vor meiner bevorstehenden Chemotherapie damals anrief und mir den wertvollen Samengedanken ans Herz legte: Ich solle die Chemotherapie ganz bewusst wahrnehmen und als ein göttliches Elixier betrachten.

Zusammen mit meiner Schwester wurde daraus später liebevoll mein „Zaubertrank“.

Schon damals war Silke lebendig, herzlich und gleichzeitig wie unter Strom.

Sie kümmerte sich um alles und jeden, nur nie so richtig um sich selbst. Yoga, Wellness, kleine Ruheinseln: Sie wollte sie greifen, aber ihre Gedanken waren immer schon bei ihrem nächsten Punkt auf ihrer To-do-Agenda.

Dann kam dieses leise Auseinanderdriften, wie es das Leben eben mit sich bringt.

Kein Bruch, keine Dramatik. Zwei Wege, die sich verlieren, wenn man nicht nah beieinanderlebt, der Freundeskreis ein anderer ist und jeder sein eigenes Familienleben lebt.

Menschen kommen und gehen in unserem Leben. Bei manchen ist das schade, und manchmal sehr traurig. Bei manchen ist es im Nachhinein betrachtet gut so, bei manchen ist eine Trennung sogar immens wichtig.

Wir Menschen entwickeln uns, unsere Gedanken und unsere Seelen. Nicht jeder Mensch, dem wir im Laufe unseres Lebens begegnen, ist für unsere Weiterentwicklung und unser Wachstum hilfreich.

Dennoch sind auch „Arschengel“, wie sie meine Freundin Katja liebevoll nennt, wichtig für persönliches Wachstum. → Da reicht jedoch ein kurzes Begegnen aus, verbunden mit einer schnellen Verabschiedung im Tempo von Speedy Gonzales.

Silke war ein Mensch, den man nicht aus seinem Leben haben wollte.

Sie war unendlich liebenswert, und man spürte ihre liebevolle Art. Diesen besonderen Menschen trotz seiner inneren Zerrissenheit, seiner Unruhe, seiner Hast.

Nie im Hier und Jetzt. Immer einen Schritt schon in der Zukunft, oftmals auch mit den Gedanken verwoben in der Vergangenheit. Doch immer begleitet, von diesem ungesunden Wunsch, es allen anderen rechtmachen zu wollen. Manchmal bis zur Selbstaufgabe.

Gerne hätte ich sie damals schon aufhalten, gar einfangen wollen. Ihr zurufen wollen: „Stopp, halt doch mal kurz inne!“

Doch ich kenne diese Art der Unruhe und Zerrissenheit nur zu gut und ich denke, es geht ganz vielen anderen unter uns auch so. Manchmal, zeigt der Körper dann Botschaften in Form von kleinen Zipperlein, um uns liebevoll ein kleines Warnsignal zu geben. Ein Achtsamkeitssignal gewissermaßen.

Und manchmal, wenn wir nicht genug hinhören, nicht genug auf uns hören, dann fährt der Körper schwere Geschütze auf. Riesige rote Stoppschilder, die wir bereits mehrmals vermeintlich wie bei einer Ampel auch bei knallrot überfahren haben.

Strafzettel inklusive. Leider gerne in Form einer heftigen Herausforderung, gar oftmals in Form einer schweren Erkrankung.

Die Zeit vergeht rasend schnell, vor allem wenn wir älter werden. Als würde der Sekundenschalter heimlich einen Turbo eingebaut bekommen.

Dann alljährliches Volksfest in unserem schönen Städtchen dieses Jahr. Und an einem Stand mit Freunden in der Altstadt stand dort plötzlich Silke.

Zumindest eine Frau. Mit kurzen Haaren. Mit kurzem, ergrautem Haar. Mit ihren Gesichtszügen.

Ein Blick. Und dieser Sekundenbruchteil, in dem das Herz schneller wird und der Gedanke aufblitzt: Freiwilliger Kurzhaarschnitt … oder … ich wage nicht weiterzudenken: Krankheit? … Chemotherapie?

Dieser kleine innere Stolperer, den nur Menschen kennen, die es selbst nur allzu gut wissen, wie fragil das Leben sein kann. Verbündete in einer Herausforderung, die keiner von uns freiwillig gewählt hatte.

Wir sahen uns an, und sofort war dieses Wiedererkennen da.

So vieles hatte sich verändert. Silke war wie ich an Brustkrebs erkrankt.

Silke lebte in Trennung von ihrem Mann und war aus dem gemeinsamen Zuhause ausgezogen. Parallel zu meiner Geschichte. Gänsehaut.

Ihre Kinder waren zum Zeitpunkt ihrer Erkrankung im soliden Übergang zum Teenager- bzw. Erwachsenenalter. Älter als mein Sohn damals mit seinen elf Jahren, als die Erkrankung bei mir festgestellt wurde. Dennoch: Kind ist Kind und jedes zu jung, um mit der Dramatik einer solchen Erkrankung der Mama konfrontiert werden zu müssen.

Und noch eine Parallele: Wir waren in derselben Brustklinik gewesen. Medizinisch war alles gut verlaufen – und doch stand Silke nun da, jedoch auch ein Stück neben sich.

Dieses Gefühl, nach dem Durchlaufen aller medizinisch auferlegten Etappen endlich alles geschafft zu haben.

Und doch fühlt man sich, wie auseinandergewirbelt, auseinandergenommen und wieder neu zusammengesetzt.

Eine Reparatur. Doch nichts ist mehr wie vorher. Nichts ist mehr so, wie der Originalzustand. Nicht am Körper, nicht in der Seele.

Wir tauschten Nummern aus. Noch einmal wollten wir nicht mehr so viele Jahre ins Land ziehen lassen bis zur nächsten Begegnung.

Wir verabredeten uns zu einem Treffen, um uns ausgiebig auf den nächsten Stand zu bringen.

Wir redeten, lachten und versuchten, die Etappen der letzten Jahre zu rekapitulieren. Worte sprudelten wie ein Kinofilmtrailer aus uns heraus.

Ihre Geschichte war so frisch. Ich konnte mich so verdammt gut daran erinnern, wie es mir damals erging.

Körperlich, als wäre ein Tsunami durch mich hindurchgerollt. Und so wahnsinnig stolz und verrückterweise soooooo stark, weil ich zwei Brust-OPs, die Chemos über 6 Monate und eine sechswöchige Bestrahlung hinter mich gebracht hatte. Innerlich gebeugt, und gebeutelt. Äußerlich aber so aufrecht wie noch nie in meinem Leben.

Welch ein Paradox. Der Körper hat so unendlich viel versteckte Kraft und Ressourcen. Und wenn diese Liebe zum Leben da ist, kann dieser Funke Unmögliches wahr werden lassen.

In unserem Fall: Heilung.

Dennoch hatte ich Sorge, sie mit meiner eigenen Geschichte zu überrollen.

Meine lag nun sieben Jahre zurück, ihre war gerade erst geschehen. Ich weiß, dass meine Jahre danach nicht leicht waren. Obwohl doch vermeintlich das Schwierigste geschafft war.

Silke stand da, ebenfalls alle Etappen mit Bravour gemeistert, doch noch nicht ganz wieder fest auf dem Boden. Obwohl sie alles mit unglaublicher Kraft durchlaufen ist. Dennoch trug sie bereits dieses unglaubliche, besondere Funkeln in sich.

Eins, das Menschen oft nur nach einer zweiten Chance, einem heftigen Signal oder einem speziellen Ereignis zuteil wird.

Und wenn ich sie jetzt so ansehe oder Bilder sehe, die sie in ihrem Smartphone-Status hat, dann bekomme ich auch wieder Gänsehaut:

Es ist Silkes Lachen. Sie lacht anders.

Lange. Weich. Aus tiefstem Herzen.
Kein flüchtiges Lachen, kein hastiges Lachen, das sofort wieder von Gedanken eingefangen wird, sondern ein echtes, ruhiges, strahlendes Leuchten.

Eines, das nur aus der Tiefe eines Menschen kommen kann. Eins, das weiß, wie kostbar jeder neue Moment fortan sein wird.

Heute ist Silke zurück im Alltag. Wieder im Job, mit einem guten Team, Struktur und Unterstützung. Und sie empfindet ihre Leichtigkeit als neu.

Sie rudert bei den Pink Bembels in Frankfurt am Main, und ich werde in dem Gefühl bestätigt:

Vieles trägt uns leichter, wenn wir nicht allein (durchs Leben) rudern.

Herzlichst,

Betzie


Silke hatte nach unserem ersten Treffen noch ihre Anschlussrehabilitation vor sich. Mein Buch durfte sie begleiten und war auf Sylt mit in ihrem Gepäck.

Ihre Leserstimme findet sich hier und auch weitere auf meiner Buchbestellungsseite: www.betziesblog.de/buchbestellung



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