3. Juli 2026

spielzeug, bratkartoffeln und mindestens vier weitere gedanken, die daraus entstanden

Dieser Tage war ich mal wieder on the road und hatte so ein paar Gedanken im Gepäck. Eigentlich war es nur ein Gedanke. Aus ihm wurden erst zwei. Dann drei und am Ende, glaube ich, vier.

Typisch Betzie. Sooooooooo viele Gedanken. Und diesmal ist aus einem einzigen Blogeintrag eine kleine Mini-Serie entstanden.

Ich glaube, ihr wisst inzwischen, wie sehr ich diese endlosen Kilometer beim Autofahren liebe. Die Straße vor mir. Die Gedanken, die dabei plötzlich auftauchen dürfen. Endlich einmal zu Ende denken können. Ohne Unterbrechung. Zwischen mir und mir selbst nur der heiße Asphalt, auf dem sich die Reifen meines kleinen Möchtegern-SUVs endlos zu drehen scheinen.

Deep-Talk mit mir selbst.

Manchmal kommt ein Gedanke. Manchmal bringt er gleich mehrere mit. Manchmal? Lach. Wer mich kennt, weiß: Es sind gleich Tausende. 🙂 Und genau so war es auch wieder die Tage.

Bewegende Tage. Denn wenn ich diese endlosen Kilometer fahre, dann zu einem ganz besonderen Menschen. Meinem Papa.

Seit einiger Zeit gehören diese Fahrten zu meinem Alltag. Mal mit Hoffnung im Gepäck. Mal mit Sorge. Mal einfach nur, um da zu sein. Die Kilometer zwischen uns kenne ich inzwischen fast auswendig. Und genau auf diesen Fahrten entstehen sie oft – diese Gedanken, die mich nicht mehr loslassen. Ich liebe diese Fahrten. Auch wenn ich mir den Anlass dafür manchmal anders wünschen würde. mein Dad wird alt.

Mein Dad. Kriegskind. Geburtsjahr 1942.

Seine Mama starb kurz nach seiner Geburt an einem Herzleiden, sein Papa fiel im Krieg. Einen älteren Bruder hatte er auch. Beide sind voneinander getrennt aufgewachsen. Der eine in der erweiterten Familie bei Großonkel und Großtante, der andere im Heim. Zwischendurch gab es wohl noch einmal eine Familienzusammenführung, glaube ich, aber eigentlich war er oft allein, ohne Familie. Ein Einzelkämpfer. der Bruder meines Dad’s ist inzwischen leider auch verstorben, und bei meinem Dad verblassen die Erinnerungen zunehmend. Ob aus Vergessen oder Schmerz kann man nichtgenau sagen. Schöne Erinnerungen können auch schmerzen. Aber die Geschichte gerät in Vergessenheit.

Wo finden wir heute eigentlich noch diese wertvolle Ressource unserer eigenen Familiengeschichte? Diese Geschichten, die bei indigenen Völkern abends am Lagerfeuer weitererzählt wurden. Für die Nachwelt. Für die nächsten Generationen.

Wer erzählt diese Geschichten heute noch weiter? So viele Familien leben in Patchwork, so viele ander Mütter oder Väter sind alleinerziehend. Diese typischen Familienessen am Sonnatg im Kreise der ganzen Familie sind selten geworden. Gar ganz eingestellt, weil die alten Familienmitglieder, die es noch geschafft haben, alle an einen Tisch zu versammeln auch nicht mehr da sind oder auch einfach nicht mehr können. Familienzusammenhalt ist ein großes Wort geworden. Und es bedeutet viel Arbeit um diese zu erhalten, jeden Tag aufs Neue.

Wann nehmen wir uns Zeit für eine gemeinsame Mahlzeit mit unserern Kindern? Was war nochmal der Zweck des großen Esszimmertisches? Mhmm, Ablageort, Homeoffice … ? Allein darüber könnte ich ein eigenes Kapitel schreiben.

Aber zurück zu dem Waisenkind. Meinem Dad. Zukunftschancen? Ich glaube, das Wort „Chancen“ wäre für diese Zeit völlig fehl am Platz gewesen. Maximal „Überlebenschancen“ in dieser Zeit der Kriegsjahre…

Vor ein paar Wochen fragte ich ihn: „Paps, was hast du dir als Kind eigentlich am meisten gewünscht? Was war dein größter Wunsch, deine Sehnsucht?“ Seine Antwort: „Spielzeug.“

Spielzeug. Oha.

Ich könnte euch die unzähligen Siku-Autos, Playmobil-Sets und später die ferngesteuerten Hubschrauber, Autos und Flugzeugmodelle gar nicht mehr aufzählen, die mein Dad im Laufe der letzten Jahre gekauft hat. Für meinen Sohn. Seinen Enkel.

Immer mit der Mission, seinem Enkelkind etwas Gutes zu tun.

Und wir wussten alle: Eigentlich erfüllte er sich damit einen Wunsch aus seiner eigenen Kindheit. Er hatte sich über die Jahre ein eigenes Zimmer mit einer wunderschönen, zwei auf zwei Meter großen Modelleisenbahn erschaffen. Sein Spielzimmer. Späte Kindheit, die nie ausgelebt, ja überhaupt gelebt werden durfte, nachgeholt im erwachsenen Zuahause.

Träume, die er sich spät selbst erfüllt hat. Heilung auf eigene Art. Jedoch, Mission erfolgreich: Papa und Enkel glücklich. 🙂

Vor ein paar Tagen war wieder das legendäre Fliegertreffen der Gemeinschaft der Transportflieger in Lohr. Ich hatte euch bereits einmal von diesen wahren Helden in diesem Blog erzählt. Von Gemeinschaft. Kameradschaft. Stolz. Ehre. Prinzipien. Mut.

Einer der Freunde meines Dad’s sagte zu mir: „Ich mag deinen Dad so sehr. Wir sind beide Kriegskinder. Das ist eine ganz andere Ära. So was verbindet. Unabhängig davon, dass wir zusammen in der Bundeswehr gedient haben. Wir hatten die verrückteste und wildeste Zeit.“

Papas alter Kamerad erzählte mir, wie sehr er das Leben heute schätzt. Dass für ihn nichts selbstverständlich ist. Dass es ihn traurig macht, dass mein Dad in diesem Jahr leider das erste Mal nach so vielen Jahren nicht persönlich beim Fliegertreffen dabei sein konnte. Dies beteuerten auch seine anderen Kameraden, und mir kamen dabei Tränen in die Augen, weil mich diese tiefe Verbundenheit untereinander sehr gerührt hat.

Als ich ihm die Geschichte von meinem Dad erzählte und von seinem größten Wunsch nach Spielzeug, wurde er ganz still. „Weißt du, was mein größter Wunsch zu meinem dritten Geburtstag war?“, fragte mich Papas Kamerad. Natürlich schüttelte ich verneinend den Kopf.

Er antwortete: „Bratkartoffeln.“

Mein Herz machte einen Satz. Sofort schossen mir die Wünsche der Kinder von heute durch den Kopf.

Dieter, so hieß der Kamerad meines Dads, konnte seine Bratkartoffeln damals nicht einmal genießen. Es gab einen Fliegeralarm an seinem Geburtstag. Seine Mama packte ihn, das kleine Köfferchen mit den wichtigsten Habseligkeiten, und gemeinsam eilten sie Richtung Luftschutzkeller.

Nur an diesem einen besonderen Tag hielt seine Mama in der anderen Hand noch die dampfende Pfanne mit Bratkartoffeln. Für ihren dreijährigen Sohn.

Diese Geschichte ließ mich auf der Heimfahrt nicht mehr los. Mit diesen Gedanken fahre ich zu meinem Dad. Und wie das bei mir so ist: Aus einem Gedanken wurden plötzlich zwei. Dann drei und am Ende vier.

Genau daraus ist diese kleine Mini-Serie entstanden. Fortsetzung folgt …

Herzlichst

Betzie


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