Vielleicht bin ich altmodisch.
Aber für mich ist ein Kuss nicht bedeutungslos.
Vor kurzem hatte ich ein Date. Kein schnelles Treffen zwischen Tür und Alltag. Kein oberflächliches „Na, schauen wir mal“. Sondern zehn Stunden echtes Gespräch.
Lachen. Tiefe. Präsenz. Diese seltenen Momente, in denen man plötzlich vergisst, auf die Uhr zu schauen.
Ein Marathon-Date, wie ich es liebevoll taufe. Und am Ende ein Kuss.
Nicht irgendein Kuss.
So ein Kuss, bei dem man kurz denkt:
Vielleicht begegnet man Menschen doch noch wirklich. Vielleicht habe ich ihn berührt.
Kennengelernt hatten wir uns tatsächlich schon eine Woche vorher auf einem Musikevent. Und dort passierte etwas, worüber ich heute noch schmunzeln muss.
Ich lernte ganz nebenbei eine seiner Töchter kennen. Und plötzlich stand da auch noch der Schwiegersohn vor uns, schaute mich an und sagte ganz selbstverständlich:
„Hi, ich bin übrigens der Schwiegersohn.“
Und ich musste innerlich lachen. Weil ich noch dachte:
Wow, das ging schnell.
Ich habe später noch lachend gesagt:
„Na schau mal einer an. Die schwierigste Hürde hätten wir damit ja fast schon hinter uns.“
Früher hatten wir Herzklopfen, wenn wir unseren Eltern jemanden vorgestellt haben.
Heute bekommen wir es als Erwachsene, wenn der ‚Neue‘ bei den Kindern plötzlich mit am Tisch sitzt oder einfach nur vorgestellt wird:-)
Patchwork.
Erwachsene Leben.
Erwachsene Geschichten.
Und vielleicht war genau das einer dieser kleinen besonderen Momente, in denen sich etwas plötzlich kurz echt anfühlt.
Eine Woche später kam dann dieses zehn Stunden lange Date. Und am nächsten Tag eine Nachricht.
Ehrlich. Direkt. Nicht böse gemeint.
„Eigentlich suche ich nur jemanden zum Kuscheln. Vielleicht Sex.“
Und plötzlich sitzt du da als Frau Ü50 und fragst dich:
Was genau passiert hier eigentlich gerade zwischen Menschen?
Versteht mich nicht falsch.
Ich verurteile das nicht.
Ich finde Ehrlichkeit sogar wichtig. Sehr wichtig!
Aber ich glaube, was mich beschäftigt hat, war etwas anderes:
Diese schnelle Begrenzung.
Dieses sofortige Definieren.
Dieses vorsichtige Zumachen, kaum dass Nähe entsteht.
Als müssten wir heute jede Begegnung sofort kategorisieren.
Beziehung.
Freundschaft Plus.
Locker.
Unverbindlich.
Nur Spaß.
Keine Erwartungen.
Keine Verpflichtungen.
Boahhh …
Mein Kopf fährt Achterbahn.
Ich weiß doch nach fünf Minuten, einer Stunde oder selbst nach zehn Stunden noch nicht, was mein Herz will. Was ich will….
Und wo ist eigentlich der Raum geblieben, in dem Menschen sich einfach kennenlernen dürfen?
Wir sind doch keine Bewerbungsgespräche.
Keine Netflix-Serie, die man nach zehn Minuten aussortiert.
Keine perfekt optimierten Datingprofile.
Wir sind Menschen.
Mit Geschichten.
Mit Brüchen.
Mit Narben.
Mit Hoffnung.
Ich bin Jahrgang 1970.
Ich komme aus einer Generation, die noch mit „Bis dass der Tod euch scheidet“ groß geworden ist. Unsere Eltern blieben oft zusammen, selbst wenn sie längst nicht mehr glücklich waren. Beziehungen bedeuteten Pflicht. Durchhalten. Sicherheit.
Und wir?
Wir hängen irgendwo dazwischen.
Zwischen alter Sehnsucht und neuer Freiheit.
Zwischen Bindung und Selbstschutz.
Zwischen „Ich brauche niemanden“ und „Bitte bleib“.
Vielleicht ist genau das Dating heute.
Menschen wünschen sich Nähe.
Aber sie haben Angst vor den Konsequenzen von Nähe.
Und nein:
Ich habe danach nicht an mir gezweifelt.
Ich habe eher etwas anderes gespürt.
Eine leise Wehmut.
Dieses seltene Gefühl, wenn man einem Menschen begegnet und merkt:
Da war etwas zwischen den Zeilen.
Keine Verzweiflung.
Keine dramatische Enttäuschung.
Eher eine Sehnsucht danach, dass wir Menschen uns heute vielleicht wieder etwas mehr Zeit geben dürfen.
Zeit für ein zweites Gespräch.
Für ein langsames Kennenlernen.
Für dieses offene „Mal schauen, wohin es führt“.
Denn vielleicht muss nicht immer alles sofort entschieden werden.
Vielleicht dürfen Türen auch einfach erstmal offen bleiben.
Dürfen wir nicht unsere eigene, vielleicht sogar neue Definition von Beziehung leben und vor allem selbst definieren?
Verdammt.
Die Welt spielt verrückt und wir alle dürfen unser eigenes Drehbuch schreiben.
Und ich möchte mir meine Offenheit nicht nehmen lassen.
Denn wenn wir irgendwann anfangen, nur noch cool, kontrolliert und unverbindlich zu sein: was bleibt dann eigentlich noch übrig?
Vielleicht ist Liebe heute kein Besitz mehr.
Vielleicht ist Beziehung heute anders.
Freier.
Offener.
Leichter.
Ich darf dieses ‚Neue Denken‘ noch üben, lernen, verstehen, akzeptieren aber vor allem in meiner DNA irgendwo zu integrieren. Gar erstmal neu zu programmieren. Aber in diesem Zusammenhang wünsche ich mir insbesondere, dass wir aufhören, Menschen wie Optionen zu behandeln.
Früher sagten wir: „You never have that second chance, to make that first impression.“ Aber damals war die Welt und unser Kopf und Herz noch nicht so überflutet wie heute.
Ein Mensch ist kein Film.
Kein Wisch nach links.
Kein Konzept.
Manchmal braucht ein Mensch einfach ein zweites Gespräch.
Einen zweiten Kaffee.
Eine zweite Chance.
Und vielleicht bleibt genau das die Herausforderung unserer Zeit:
Dass wir alle Nähe wollen, aber kaum noch den Mut haben, sie auszuhalten.
Ich bin gespannt, wie Ihr das seht.
Herzlichst,
Betzie
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