Driving Home – und was wirklich mitfährt
Driving Home for Christmas. Wer jetzt auf den Kalender schaut, mag denken, ich sei etwas früh dran. Bin ich. Eine kleine Stippvisite, ein kurzer Heimatabstecher – und wie immer fährt mehr mit als Kleidung.
Der Kofferraum ist eine Art Zeitkapsel: Dinge, die man aus Gewohnheit einpackt, Erinnerungen, die man nicht aussortiert und die verstärkt aufploppen, je näher man an geliebte Orte zurückkehrt.
Und während vor mir die Straße verläuft, liegen neben mir vier kleine Tütchen, ein Schal, ein Kaffee.
Alles warm, alles nah und irgendwie kuschelig.

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Die Adventskalender-Tradition für meinen Dad
Einige, die meinen Blog und mich schon länger begleiten, wissen, dass mein Dad zu der Generation gehörte, in der es für Kinder selten einen gab.
Vor zwei Jahren habe ich diese neue Tradition erst begonnen – und im ersten Jahr gab er mir nach dem Öffnen des letzten, die leeren Tütchen wie einen Auftrag zurück.
Kein „Machst du wieder?“, sondern ein stilles „Natürlich machst du das wieder.“
Dieses Jahr gibt es eine andere Variante: nur vier Tütchen, ich korrigiere: Tüten. Eins für jeden Adventssonntag. Nicht reduzierter, sondern kompakter und bewusster, aber genauso herzlich.
Mein Dad hat sich, wie ich heimlich beobachtet habe, eh nie wirklich an die nummerierte Reihenfolge gehalten, sondern ist seinem Tastsinn und seiner Neugier gefolgt.
Traditionen entstehen manchmal einfach, ohne dass jemand ihren Anfang bemerkt.
Vier Tütchen – und ein Gedanke fürs ganze JahR
Auf der langen Fahrt denke ich: Diese vier Tütchen könnten noch mehr sein, als kleine Adventsüberraschungen.
Eine Symbolik. Vielleicht auch eine wiederkehrende Erinnerung daran, dass jedes Jahr seine eigenen Kapitel hat. Was, wenn wir einen Jahreskalender starten würden? Nicht materiell, sondern gedanklich?
Ein Zettel. Ein Satz. Ein Moment, der einem gutgetan hat. Kein Vorsatz, eher ein Anker.
Ein „Das nehme ich mit“ und manchmal auch ein „Das darf gehen“.
Wir alle ziehen ja bewusst oder unbewusst am Ende des Jahres Revue. Und so vieles, was wir bereits gelernt haben, vergessen wir so schnell wieder, es geht schlicht unter.
Zwölf Erinnerungsschätze, zwölf Momente. Jedes für sich am Ende eines Monats zu öffnen.
So würden am Jahresende zwölf kleine Erinnerungsstücke bereitstehen: nicht, um zu bewerten, sondern um zu bewahren. Die guten Dinge festhalten, damit sie nicht im Lärm untergehen. Die schweren Dinge würdigen, damit sie leichter werden.
Ein achtsames Jahresritual, das gar nicht laut sein muss – nur ehrlich und achtsam.
Autofahrten als kleine Therapieeinheiten
Autofahrten sind anstrengender geworden, das fällt mir nicht erst seit gestern auf.
Und gleichzeitig sind sie doch jedes Mal eine Art Therapie in Bewegung.
Im Auto stört mich nichts. Keine Wasch- oder Spülmaschine, keine herumliegenden Dinge, denen ich, während ich durch die Wohnung tigere, auf meinem Weg zur eigentlichen Aufgabe begegne.
Wer kennt es noch?
Der Weg in ein anderes Zimmer, gleicht einem regelrechten Parcours, gar einer Schnitzeljagd, weil man zwischendurch bestrebt ist, doch eben noch – wenn man schon mal unterwegs ist – das eine oder andere aufzuheben und gar an seinen Ursprungsplatz zu verräumen. Dabei wird der Kaffee kalt, und die ursprüngliche Intention, gar der Tageszeitplan, gerät in massiven Zeitverzug oder gar ins Vergessen.
Auf einer langen Autofahrt hingegen: Kein „Ich müsste noch …“.
Nur ich, das Surren des Motors, ein Becher Kaffee, Lieblingsplaylist, Lieblingspodcast und noch etwas Süßes, ein Kuschel-Schal, falls die Sitzheizung nicht ausreicht, und meine verrückten, flirrenden Gedanken, die sich endlich mal sortieren können!
Jedes Mal flammt diese alte Sehnsucht auf: Weihnachten oder Jahreswechsel in den Bergen.
Ich, die Nicht-Skifahrerin, aber Hüttenliebende.
Schnee, Stille, ein Lumumba, ein Buch – eingewickelt in Ruhe.
Die Schneebilder vom Tegernsee – geschickt von einer Freundin – haben dieses Gefühl wieder angeschubst.
Der Norden – friesisch frech und wetterlaunisch
Und während ich so fahre, und die Landschaft an mir vorbeizieht, kommen Kilometer für Kilometer, die ich der Heimat näher komme, auch Gedanken, die ich zu Hause so nicht habe.
Sie sind irgendwie ortsgebunden. Dieser eine Osterurlaub in meiner Kindheit– Jahresdatum vergessen, Gefühl geblieben. Schneegefahr, frostige Luft, Winterreifen, die definitiv erst nach der Rückfahrt gewechselt wurden.
Der Norden macht’s einem leicht, wachsam zu bleiben. Wetter ist hier nicht einfach Wetter, sondern ein Charakterzug, manchmal friesisch frech, manchmal gänzlich unberechenbar.
Und damals: plötzlich Frühling. Plötzlich T-Shirt-Wetter. Wir vollkommen unvorbereitet. Mein persönliches Glück, denn in meinem Lieblingskaufhaus, mussten wir uns neu einkleiden.
Ich habe es sowas von geliebt!
Die Frage nach dem richtigen Ort
Und auf einem Rastplatz, um meinen Kaffeebedarf zu stillen, tritt eine leise Frage ins Bewusstsein:
Sollte man, wie viele andere es bereits getan haben, an Orte ziehen, die man liebt?
Oder verlieren sie ihren Zauber, wenn man sie täglich sieht?
Allein beim Anblick der anderen Autos, teils im Kurzurlaub, teils auf Durchreise, bekomme ich Fernweh,.
Autos, die bereits winterurlaubstüchtig mit Dachboxen ausstaffiert sind. Kinder mit niedlichen Weihnachtsstiefeln, teils blinkend, Männer in Strickpullis (liebe ich!) und Mütze auf. Frauen in kuscheligen Strickjacken, Schals und stylishen Snowboots.
Am liebsten würde ich einsteigen: Ziel unbekannt, aber doch hoffentlich spannend und mit Winterwonderland gesegnet.
Ich weiß nur: Strand, Meer, moderates Wetter würden mich nie langweilen.
Und doch mag ich den Wechsel. Den Herbst. Den Frühling. Die Übergänge.
Dieses Werden und Vergehen. Und ein Traum: Weihnachten im Schnee auf einer Hütte in den Bergen. Klassiker halt … 🙂
Vielleicht sind wir Menschen so gebaut:
bis zu einem gewissen Grad zufrieden, partiell fernwehkrank.
Ein Jahr, das getragen hat
Wenn ich an meinen Post vom letzten Dezember denke, dann war dieses Jahr ein großes.
Viel passiert. Viel gelernt.
Ich bin immer noch auf dem Weg, aber eines ist sicher:
Alles, was ich getan habe, war selbstbestimmt.
Kein Weg, den ich jemandem aufladen könnte.
Keine Schuld, die man weiterreichen müsste.
Alles meine Entscheidungen. Meine selbstbestimmten Routen. Trotzdem nicht immer leicht.
Am Ende jeder Heimfahrt fährt man nicht nur einem Ort entgegen.
Man fährt immer auch ein Stück zu sich selbst.
Herzlichst,
Betzie
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Hallo liebe Betzi,
es ist so herrlich wie du schreibst und mich damit berührst. Ich erkenne mich in so vielen Geschichten wieder. Liebe Grüße Silke
Liebe Silke,
danke dir für deine Worte. Wenn Texte berühren und Wiedererkennen entsteht, dann haben sie ihren Zweck mehr als erfüllt.
Schön, dass du hier bist und deine Stimme teilst. 🤍